On Top – Vier fotografische Standpunkte

Bernd & Hilla Becher, Matthias Koch, Simon Roberts, Peter Hebeisen.

Einst bedeutende Stahlwerke, Reste der Befestigungsanlagen des Atlantikwalls in der Normandie, europäische Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts, die meist fotografierten Orte der Schweiz.

Die Photobastei zeigt mit der Ausstellung „On Top – vier fotografische Standpunkte“ Ikonen der Industriefotografie von Bernd & Hilla Becher, Bilder zum Atlantikwall ihres Meisterschülers Matthias Koch, „Europäische Schlachtfelder“ des Schweizers Peter Hebeisen und „Sight Sacralization: (Re)framing Switzerland“ des renommierten englischen Fotografen Simon Roberts.
Alle ausgewählten Landschaftsaufnahmen sind aus der Perspektive eines erhöhten Standpunktes gemacht. Darüber hinaus bedienen sie sich der Fotografie als Medium der Dokumentation und der Reflexion. Sie zeigen Orte, die geschichts- oder bedeutungstragend sind.
Der Dokumentarfilm „Die Fotografen Bernd und Hilla Becher“ und Making-of-Fotografien geben einen Einblick in die Arbeit der Künstler.

„On Top – oben drauf“ steht für einen erhöhten Standpunkts als Arbeitsmethode und als fotografische Perspektive. Darüber hinaus bedeutet es die Intention, durch die Motivwahl den Betrachter zum Nachdenken und Innehalten anzuregen. Bilder, die neben ihrem ästhetischen Reiz noch eine tiefere Ebene haben. Wie die Industrielandschaften, die Bernd und Hilla Becher fotografierten, die heute weitgehend verschwunden sind. So sind die Arbeiten der Bechers das fotografische Gedächtnis einer untergegangen Industriekultur. Oder die großformatigen Tableaus von Matthias Koch und Peter Hebeisen die stimmungsvolle Landschaften zeigen, hinter deren Schönheit sich das Grauen vergangener Kriege verbirgt. Auch der Engländer Simon Roberts hinterfragt mit seiner Arbeit „(Re)framing Switzerland“ das vordergründig Pittoreske der Schweizer Bergwelt, die aus sicherem Abstand einer Aussichtsplattform zur fotografierbaren Theaterkulisse degradiert wird.

1. Bernd und Hilla Becher – Industrielandschaften

Amorphe Gebilde von Röhren, Hochöfen, Winderhitzer, Hüttenwerke – Bilder von Landschaften einer untergehenden Industrie, die oft nur noch in den Fotografien von Bernd und Hilla Bechers existiert. Das Fotografieren gegen das Verschwinden war eine Triebfeder, die das Fotografenpaar ein Werk von großer Bedeutung schaffen ließ, das mit den höchsten Kunstpreisen ausgezeichnet wurde. So Bernd Becher: „Als wir merkten, dass die Sachen verschwinden, haben wir uns entschlossen die Objekte zum Foto zu verkleinern damit wir sie mitnehmen konnten. Das war praktisch eine Verpflichtung“.
Die Ausstellung zeigt eine Auswahl Fotografien bedeutender Stahlwerke, die heute zum größten Teil nicht mehr existieren. So war die Gutehoffnungshütte die erste eisenverarbeitende Hütte im Ruhrgebiet. Nach über 200 Jahren wurde sie in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stillgelegt und abgerissen. Die Bechers haben das Werk kurz vor dem Abriss vollständig dokumentiert. Dagegen bestehen die Gary Werke noch. Zwar ist es nicht mehr das größte Stahlwerk der Welt, der immerhin das größte in den USA.
Die Fotografien von Bernd und Hilla sind meist von einem erhöhten Standpunkt aus gemacht. Entweder benutzen sie dazu Leitern oder stiegen auf andere Hochöfen oder suchten sich Hügel oder umliegende höhere Hauser aus, um ihre Aufnahmen zu machen. Gezeigt werden Aufnahmen aus dreißig Jahren Becher´schen Schaffens von den 60ern bis zu den 80er Jahren.
Seit Ende der Fünfziger Jahre fotografierten das Ehepaar Bernd und Hilla Becher gemeinsam Industriebauten. Auch sind aus der Lehre von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf berühmte Fotografen wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer und Thomas Ruff hervorgegangen.

2. Matthias Koch (D) – Orte der Geschichte: Atlantikwall, Normandie

Aufgenommen von der Feuerwehrleiter aus dreißig Metern Höhe erscheinen die großen Tableaus von Matthias Koch als pastellig-schöne Bilder einer Küstenlandschaft. Beim näheren Hinsehen erkennt man Reste eines Schwimmhafens, Granattrichter, Drachenzähne, Panzersperren – die Überreste der deutschen Festungsanlagen, die als Verteidigungsgürtel entlang der Atlantikküste in der Normandie gegen die alliierte Invasion gebaut wurden.

Das Thema der Arbeiten von Matthias Koch sind „Orte der Geschichte“. Dabei geht es ihm um die Überlagerung von zwei Zeitebenen. Beim Anblick der heutigen Situationen ahnt man kaum noch, was an diesen Plätzen früher einmal stattgefunden hat.
Das Arbeitsgerät von Matthias Koch ist eine Großbildkamera und ein Feuerwehrwagen.

Matthias Koch war Meisterschüler von Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf und langjähriger Assistent der Bechers. Er begleitete sie auf vielen Foto-Reisen.

www.matthias-koch-fotografie.de

3. Simon Roberts (UK) – Sight Sacralization: (Re)framing Switzerland

Grandiose Berglandschaften, atemberaubende Aussichten, wild-romantische Landschaften – das ist die Schweiz in der Vorstellung der Engländer, seit sie im 19. Jahrhundert die Schönheit des Landes für sich entdeckten. Heute gleichen diese Schweizer Landschaften oft einer Theaterkulisse, die vom Publikum von auf eigens gebauten Aussichtsplatformen abfotografiert wird.

Sich selbst aufnehmende Touristen vor dem Bernina Massiv, auf dem Uetliberg in Zürich, dem Gornergrat in Zermatt – von einem erhöhten Standpunkt aus sieht Simon Roberts mit seiner Kamera ihrer Selbstinszenierung zu. Die Schweizer Bergwelt dient als Rahmen für das eigene Bild. Der mit vielen Preisen bedachte englische Fotograf reiste mit seinem Kleinbus und seiner Großbildkamera zu den meist fotografierten Orten der Schweiz. Er fand diese Orte mit Hilfe der Software Sightmap. Diese ermittelt die beliebtesten Orte aufgrund der im Internet hochgeladenen Bilder. Die in der Photobastei ausgestellten Bilder sind Leihgaben der Fotostiftung Schweiz.

Simon Roberts fotografisches Werk führte ihn nach Russland zu 65 Orten von Kaliningrad bis Moskau („Motherland“), durch ganz England („We English“, Pierdom, Merrie Albion: Landscape Studies of a Small Island) und der Schweiz im Auftrag der Fotostiftung. Sein Thema ist das Verhältnis der Menschen zur Landschaft und Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit.

Sight Sacralization: (Re)framing Switzerland

4. Peter Hebeisen – Europäische Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts

Ein Fluss schlängelt sich durch die Landschaft. Ein Baum spiegelt sich im Wasser. Ein Bild wie aus der Romantik, dem man nicht ansieht, dass hier eine der größten Schlachten des ersten Weltkriegs stattfand. Erst beim Namen Verdun wird die Tragik der Geschichte bewusst. Ein Name, der wegen dort stattgefundenen Kriegsgemetzels in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Solche europäischen Erinnerungsorte hat der Schweizer Fotograf Peter Hebeisen aufgesucht: Verdun, Stalingrad, Sarajevo. Entstanden sind großformatige Tableaus in der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei. Aus der Distanz und aus drei Metern Höhe macht Peter Hebeisen seine Aufnahmen, gleichsam aus der Sicht der Feldherren, die das Schlachten aus der Ferne dirigierten.

Über 40 000 Kilometer in acht Jahren legte Peter Hebeisen zurück von der französischen Atlantikküste bis an die Wolga, um die Erinnerung an die europäischen Kriege wachzuhalten und gegen das Geschichtsvergessen anzugehen.

Der gelernte Fotograf besuchte die Kunstgewerbeschule Bern und gründete 1986 sein eigenes Fotostudio in Zürich. Neben seiner Arbeit als Modefotograf beschäftigte er sich mit den Themen wie Migration in Europa oder europäische Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts.

http://www.peterhebeisen.com/european-battlefields/

Die Ausstellung wurde kuratiert von Marianne Kapfer, Berlin (www.whatulookinart.com)

Rahmenprogramm:

Sonntag, 22. April 2018, 11 Uhr
Vortrag Bernd & Hilla Becher auf Fotoreise
Matthias Koch, Becher-Schüler und langjähriger Assistent von Bernd & Hilla Becher gibt seinen Einblick in das Entstehen von Becher-Fotos. Er zeigt und kommentiert seine über 70 teilweise unveröffentlichte Fotografien des Fotografenpaares während der Arbeit.
Datum?
Filmvorführung in Anwesenheit der Regisseurin
Die Fotografen Bernd & Hilla Becher, 94 min., 2012 von Marianne Kapfer
Bernd Becher, Hillla Becher, Max Becher, Thomas Struth, Thomas Ruff, Candida Höfer, Jörg Sasse, Laurenz Berges, Matthias Koch, Götz Diergarten, Susanne Lange, Ludger Derenthal , Lothar Schirmer
Hochhöfen, Fördertürme, Aufbereitungsanlagen – inzwischen vielerorts zerstörte Zeugnisse industrieller Entwicklung – leben in den Fotografien von Bernd und Hilla Becher weiter. Das Düsseldorfer Künstlerpaar erzählt von seinem Leben, Werk und Wirken, das fünf Jahrzehnte lang dem Fotografieren von Industriebauten gewidmet war.