HELEN HESSEL „Niemand kann so lieben wie ich…!“

Helen und Roche

Eine literarische Performance mit Ingrid Sattes + Natascha Bub –

Fassung und Einrichtung: Natascha Bub –

Helen Hessel konnte schießen, reiten und boxen, rauchte starke Zigarren, schwamm ausgezeichnet und fuhr rasant Automobil. Teufelsweib, Avantgardistin, Hasardeurin, Naturgewalt. Zärtliche Löwenmutter, voll überschäumender Lebenslust, zu jedem Risiko bereit. Gefährliche Helen, strahlend, provokant, unberechenbar. Die Inkarnation der vollendeten Frau, leidenschaftlich, selbstsicher und elegant.
Statt darauf zu warten, dass sich eine Tür öffnet, stieß sie sie lieber selber auf und stürmte hindurch ins Freie. Eine Draufgängerin, die durch ihr Dasein tanzte.
Soweit das Bild der Geliebten von “Jules et Jim”, im Film. Im Leben die Schriftsteller Henri-Pierre Roché und Franz Hessel. Doch anders als sie hinterließ Helen Hessel kein eigenständiges Werk, stattdessen vernichtete sie ihre Gemälde, ihr Theaterstück kam nie zur Aufführung, ihr dreisprachiges Tagebuch ist bis heute nicht in Deutschland erschienen.
War sie nichts weiter als eine sinnliche Muse, dienten ihre Verrücktheiten allein der Inspiration schöpferischer Männer? Oder war ihr Leben selbst ihr Werk? Hinter dem Bild, das wir heute sehen können finden sich die Abgründe einer Frau, die ihr Leben lang gegen moralische Konventionen kämpfte, und vielleicht genau darin ihre Stärke fand.
Mit der literarischen Performance HELEN HESSEL – Niemand kann so lieben wie ich…! näher wir uns einer berühmten Unbekannten anhand ihrer eigenen Texte und Briefe, Aussagen von Zeitzeugen und Weggefährten – und den literarischen Zeugnissen der Männer, denen sie begegnet ist. Geliebte, Weggefährten und Beobachter, die Helen Hessels Talent zu Lieben und zu Leben bewunderten und sie als Quelle ihrer eigenen Arbeit ausschöpften.
So entsteht das facettenreiche Kaleidoskop eines wilden Lebens, von kapriziösen Höhenflüge und tragischen Bruchlandungen, von den Abgründen erotischer Manipulation, verschenkten Idealen und dem Versuch der Überwindung der Einsamkeit. Zeit für die Annäherung an eine Frau, die mit Esprit und Wagemut um ihre Unabhängigkeit kämpfte – und für einen Blick hinter die Kulissen der legendären Ménage à trois.

BIOGRAPHISCHE NOTIZEN
HELEN HESSEL 1886, geboren als Helen Grund in Berlin. Aufenthalte in London, Kunststudium bei Käthe Kollwitz in Berlin. Ging 1912 nach Paris, wo sie Franz Hessel, Bankiers-sohn und Schriftsteller jüdischer Abstammung traf. Heirat 1913 in Berlin, 1914 Geburt Ulrich. Franz Hessel zog wenige Tage nach der Geburt seines Sohnes in den Krieg, Geburt von Stephane 1917. Franz kehrt 1918 zurück, Familienleben in Berlin und Hohenschäftlarn (Oberbayern). Arbeitete 1919 einige Monate als Landwirtin in Polen und Schlesien. Helen und Franz Führen eine mehr oder weniger offene Ehe, es gibt immer wieder Liebhaber auf beiden Seiten. Beginn einer Affaire Helens mit Henri-Pierre Roché, Schriftsteller und bester Freund Franz Hessels, über 13 Jahre hinweg. Helen führte währenddessen ein dreisprachiges Tagebuch und begann im Alter von 40 Jahren von Paris aus als Modejournalistin zu publizieren, schreib für die “Frankfurter Zeitung” und “Die Dame” und “Monde illustré” in Paris, ernährte zeitweise damit ihre Familie. 1935 Scheidung von Franz, um trotz der “Nürnberger Gesetze” weiter arbeiten zu können. 1938 rettet Helen Franz vor den Nationalsozialisten aus Berlin. Während der Besatzung Frankreichs Flucht nach Sanary-su-mer, Stephane arbeitete als xy, Franz und Ulrich werden in ein Internierungslager für Deutsche gebracht. Franz stirbt 1941 an den Folgen der Haft.
Nach dem Krieg Depression und Selbstmordversuch, folgt sie 1947 Stephane nach New York, wo er für die UN arbeitete. Schlägt sich als Gesellschafterin und Chauffeurin durch, versucht zu schreiben.
1950, inzwischen 64-jährig, nach Paris zurück, schreibt ein Theaterstück, übersetzt für Rowohlt Nabokov ́s Lolita und erlebt den furiosen Erfolg von Truffault ́s Film “Jules et Jim” als einzige lebende Protagonistin. Im Sommer 1982 stirbt Helen Hessel im Alter von 96 Jahren. Sie liegt auf dem Friedhof Montparnasse in Paris begraben.
FRANZ HESSEL (1880-1941), deutscher Schriftsteller, Lektor und Übersetzer, etwa zusammen mit Walter Benjamin zwei Bände von Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”. War zwei Mal mit Helen Hessel verheiratet, Vater ihrer beiden Söhne, die Liebe zu Helen inspirierte ihn unter anderem zuden Romanen Der Kramladen des Glücks (1913), Pariser Romanze (1920), Heimliches Berlin (1927).
HENRI-PIERRE ROCHÉ (1879-1959), Pariser Kunsthändler – und Vermittler, Romancier, verfasser des – mit der Verfilmung durch Francois Truffault berühmt gewordenen Romans JULES ET JIM. In dem alle drei die Helden sind:
Helen ist “Kathe“, Franz ist “Jules”, Roché selbst ist “Jim”.
STEPHANE HESSEL (1917- 2013), zweiter Sohn von Helen und Franz, Diplomat, Lyriker, Essayist und politischer Aktivist, Verfasser von „Empört Euch“ 2010
ULRICH HESSEL (1914 – ??), erster Sohn von Helen und Franz, Bibliothekar DIE SPRECHERINNEN /

PERFORMERINNEN:
INGRID SATTES Schauspielerin, gründete nach dem Studium in Deutschland und der Promotion in Zürich eine Band, dann mit Igor Bauersima, Pascal Ulli und Alexander Seibt die Theater-Compagnie Off-off Bühne. Seither wirkte sie in einer Vielzahl von Fernseh-und Filmproduktionen mit und arbeitet heute als Schauspielerin, Performerin und Psychoanalytikerin.
NATASCHA BUB Schauspielerin und Autorin, Studium an der UdK Berlin, spielte in einer Vielzahl von Theaterproduktionen und Filmen für Kino und Fernsehen. Arbeitet dazu als Sprecherin, Moderatorin, Tutorin, Dramaturgin und als Drehbuchautorin. Stipendiatin u.a. der Autorenwerkstatt des BR, nominiert für Auszeichnungen beim Lucas – und beim sehsuechte-Festival, unterrichtet storytelling + Drehbuch. Schreibt zur Zeit an einer Fernsehserie mit und an eigenen Büchern.

QUELLEN, zum Weiterlesen:
Journal d’Helen Hessel : lettres à Henri-Pierre Roché 1920-1921. Karin Grund, Blandine Masson, Antoine Raybund und André Dimanche (Hg.). Marseille: André Dimanche éditeur 1991.
Manfred Flügge: Gesprungene Liebe. Die wahre Geschichte zu ‘Jules und Jim’. Aufbau, Berlin 1993,
Franz Hessel: Pariser Romanze. Papiere eines Verschollenen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1985
Herzlichen Dank an Manfred Flügge und Ulrike Vosswinckel!