Claudia Fährenkemper

Claudia Fährenkemper

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Phantombilder des Unsichtbaren
… Mit dem seit Mitte der sechziger Jahre in der naturwissenschaftlichen Forschung breit eingesetzten Rasterelektronenmikroskop wurden die Grenzen der Beobachtung und Darstellung der Mikrowelten erheblich erweitert. Die eigentlich bis in den atomaren Bereich reichenden Vergrößerungskapazitäten werden von Claudia Fährenkemper bei weitem nicht ausgeschöpft, da die Bilder ab dem Faktor 3000 x ihre Konkretheit verlieren. An die Stelle des sichtbaren Lichts bei einem herkömmlichen Mikroskop tritt hier ein Elektronenstrahl, der die Objektoberflächen Bildpunkt für Bildpunkt, Zeile für Zeile abtastet und ein äußerst schärfentiefes Bild erzeugt. Der plastisch-räumliche Eindruck der Bilder beruht auf der unterschiedlichen Helligkeit von OberflächenDetails, er kann durch das Drehen und Kippen der Präparate variiert werden. Es scheint, als käme das »Licht« aus einer bestimmten Richtung, doch hängt der Kontrast einzig von der Neigung der Objektoberfläche zu dem auf sie treffenden Elektronenstrahl ab. Auch die wie solarisiert erscheinenden Kanten und Ränder der Objekte werden so erzeugt. Herausragende Strukturen erscheinen hell, tiefer liegende Partien hingegen dunkel; Farben können nicht wiedergegeben werden.
Diese Bilder lassen sich an einem Arbeitsbildschirm beobachten und mit einer Rollfilmkamera (Format 6 x 7 cm) in hoher Auflösung nahezu rasterfrei aufzeichnen. Von den Negativen werden auf herkömmliche Weise Abzüge auf Barytpapier in den Formaten 40 x 50 cm bis 80 x 100 cm gemacht. Hier liegt also wiederum ein Dimensionssprung vor. Die monumentale Größe der Bilder bestimmt die Wahrnehmung, ermöglichen es dem Betrachter doch erst diese Formate, sich bis ins Detail in die Motive zu versenken. Insgesamt ist dies ein hybrides Verfahren der Bildherstellung, das digitale und klassische Fotografie miteinander kombiniert. Mit dem Mikroskop kann man sich in Vergrößerungsstufen beliebig weit dem Objekt nähern; am Bildschirm wird durch die Wahl der Perspektive und des Ausschnitts das Motiv isoliert; die feinstkörnigen und extrem scharfen Vergrößerungen mit hohem Tonwertumfang, den satten Schwärzen und gleißend hellen Spitzlichtern ermöglichen die Monumentalisierung der Bilder.

Die Bilder von Claudia Fährenkemper haben ihren Ursprung zwar in der realen Dingwelt, doch ist dieser Teil der Welt – es sei nochmals betont – dem menschlichen Auge eigentlich nicht zugänglich. Aus diesem Bereich des Unsichtbaren werden Phantombilder gewonnen. Den Erscheinungen jenseits des Sichtbaren, jenseits auch des Vorstellbaren wird durch die spezifische Qualität der Aufnahmen Präsenz und Evidenz verliehen. Dabei tragen die Fotografien selbst ebenfalls den Charakter eines Phantoms in sich: Der Begriff »Phantom« bedeutet unter anderem »Trugbild«, und tatsächlich sind diese Bilder trügerisch, suggerieren sie doch auf höchst eindrucksvolle Weise, man könne in die Mikrobereiche vorstoßen, könne sich deren Erscheinungsformen aneignen.

Text (Auszug) von Ludger Derenthal, Berlin (Museum für Fotografie)
[Aus: Claudia Fährenkemper – Photomicrographs; HG.: Christiane Stahl, Alfred-Erhardt-Stiftung, Köln, Hatje-Cantz, Ostfildern-Ruit, 2004, ISBN 3-7757-1456-1]

Phantom Images of the Invisible
The limits of observation and representation of the microworld have been expanded substantially by the scanning electron microscope, which has been employed on a broad basis in scientific research since the mid-1960s. The capacity of this microscope to produce magnifications reaching down to the atomic level are far from being exhausted by Fährenkemper, since the images cease to be concrete beyond a magnification factor of 3,000 x. An electron beam takes the place of the visible light used by a conventional microscope, scanning the surfaces of objects pixel by pixel, line by line and producing an image with a strong depth of focus. The plasticity and three-dimensionality of the pictures derives from the varying brightness of the surface Details and it can be adjusted by rotating and tilting the specimen plate. Although the “light” seems to come from a particular direction, in fact the contrast depends solely on the tilt of the surface of the object in relation to the electron beam hitting it. It is this that makes the borders and edges of the objects look solarized. Protruding structures appear to be bright, while parts lying deeper seem dark; colors cannot be reproduced.
These images can be viewed on a screen and recorded in high resolution using a roll-film camera (in 6 x 7 cm format) whereby the grid is almost invisible. Prints are made from the negatives on baryta base paper in the conventional way in formats between 40 x50 cm and 80 x 100 cm, producing yet another dimensional leap. The monumental size of the pictures affects our perception of them, yet only such formats allow the viewer to really see the Details of the motifs. All in all this represents a hybrid method of image creation, combining the techniques of digital and traditional photography. Using a microscope permits the photographer to zoom in on an object choosing any degree of magnification. The motif is then isolated on the screen by selecting the perspective and the section desired, while the extremely fine-grained and sharp magnifications with a broad spectrum of tones, ranging from areas of deep black to glitteringly bright highlights, allow the monumentalization of the images.
Although Fährenkemper’s images have their origin in the material world, it should be stressed once again that they portray a part of that world not accessible to the human eye. From the realms of the invisible phantom images are drawn.2 Images beyond the boundaries of the visible, even beyond the imaginable, are endowed with immediacy and clarity through the specific quality of the photographs. As a result the photographs themselves acquire the character of a phantom. The term “phantom” also means “illusion” and these images are indeed illusionary, for they suggest in a highly spectacular way that one can penetrate micro-realms and make their images one’s own.

Text (extract) by Ludger Derenthal, Berlin (Museum für Fotografie)
[From: Claudia Fährenkemper – Photomicrographs; HG.: Christiane Stahl, Alfred-Erhardt-Stiftung, Köln, Hatje-Cantz, Ostfildern-Ruit, 2004, ISBN 3-7757-1456-1]