Palast der Republik

Christian von Steffelin Palast 2a-w

Christian von Steffelin

Palast der Republik

Von 1996 – 2010 dokumentierte Christian von Steffelin mit der Kamera das Verschwinden des Palast der Republik.

Aus den Aufzeichnungen von Christian von Steffelin:

Schlüsselbuch PdR

Name: Christian von Steffelin, Fotograf

Datum: 24.7.1996

Schlüssel entgegengenommen: 8.30 Uhr

Schlüssel abgegeben:

Unterschrift:

Nachdem ich mich in das kleine Buch eingetragen und den Schlüssel entgegengenommen habe, verabschiede ich mich von der freundlichen Pförtnerin mit dem bordeauxrot gefärbten Haar und mache mich auf den Weg.

Der enge VEB-Aufzug fährt mich in den Keller des Marstalls, früher der kaiserliche Pferdestall. Ich gehe durch den neonbeleuchteten Gang. Auf halber Strecke muss ich den großen, archaisch anmutenden Hauptlichtschalter umlegen, bevor ich zu einer verschlossenen Metalltür gelange. Dahinter liegt eine weitere Tunnelröhre. Das Brummen des grünlichen Lichts begleitet mich auf meinem Weg unter der Straße in das andere Gebäude. Im Treppenhaus gibt es keine Beleuchtung mehr, ohne Taschenlampe geht nichts.

Beladen wie ein Packesel kämpfe ich mich die Stufen hinauf: Fotorucksack auf dem Rücken, die große Plattenkamera in der linken Hand, das Stativ unter die Achsel geklemmt, in der rechten die kleine Fototasche und den Beutel mit den Büchern und der Verpflegung. Ich werde sicherlich wieder bis zum Abend bleiben, zu lange, um ohne Proviant auszukommen.

Tageslicht schimmert mir von oben entgegen, die letzten Stufen ‒ und ich befinde mich im Bauch des Ungetüms.

Herr Berlin

»Dit könn’ se verjessen. Da kommʼ se nich rin. Niemand kommt da mehr rin.«

Herr Berlin ließ auch auf wiederholte Nachfrage hin nicht den leisesten Zweifel an der Unumstößlichkeit dieser Aussage aufkommen. Weder für mich noch für sonst irgendwen sei der Palast der Republik zugänglich.

Schon bald nach meinem Umzug 1993 in die Hauptstadt der gewesenen Deutschen Demokratischen Republik hatte ich eine Fotoarbeit über verlassene Gebäude begonnen, von denen es auch ein halbes Jahrzehnt nach dem Mauerfall noch unzählige in Ostberlin gab. Der Palast der Republik war ein ganz besonderes unter ihnen, allein schon seiner enormen Größe wegen, die man nur schwerlich mit dem Zustand dauerhafter Leere verbinden mochte: ein äußerlich völlig intaktes Gebäude und ein Palast zudem, wenn auch keiner im herkömmlichen Sinne ‒ und das an diesem historischen Ort im Zentrum einer Großstadt.

Ich wusste zunächst nur wenig über das Haus und seine Geschichte. Irgendwann bin ich, ein Stadtwanderer, ein Forscher, ihm über den Weg gelaufen. Das Gebäude faszinierte mich und weckte den Wunsch in mir, den ehemaligen Prachtbau auch von innen kennenzulernen. Regelmäßig spazierte ich um diesen langen, kastenförmigen Riegel, der merkwürdig positioniert zwischen Zeughaus, Museumsinsel, Berliner Dom, Nikolaiviertel und Schinkelplatz tapfer die postsozialistische Stellung hielt. Ich machte Bilder vom Palast und dem umgebenden Stadtraum, sein geheimnisvolles Inneres jedoch blieb mir noch eine Weile verborgen.

Der Weg in das einstige Repräsentanten- und Volkshaus der DDRführte ausschließlich über das damalige Bundesvermögensamt. Herr Berlin war als Bediensteter dieser Behörde für den Palast zuständig, und eine seiner Aufgaben war es, lästige Anfragen wie die meinen abzuwehren. Meine Aufgabe bestand nun im Gegenzug darin, den Mann so lange mit Bitten um Zugang zu löchern, bis er irgendwann klein beigeben würde. Allein, Herr Berlin tat in untadeliger Weise das, was man von einem pflichtbewussten Beamten erwarten darf, nämlich die Richtlinien seiner Institution standhaft zu vertreten.

Irgendwann im Sommer 1996 kam dann unerwartet Bewegung in die Geschichte: Bis dahin war es möglich, durch die Fenster des Hauses schemenhaft einen Teil des Hauptfoyers und der mit Bildern berühmter DDR-Maler (unter anderem Werner Tübke, Willi Sitte, Bernhard Heisig) bespielten Palastgalerie zu erkennen. Eines Tages aber fand ich das Haus komplett von einem Bauzaun eingeschlossen vor. Im Gebäude waren in weiße Schutzanzüge gekleidete und an Kosmonauten erinnernde Männer damit beschäftigt, die Bilder von den Wänden abzuhängen und sie anschließend in einem Möbelwagen zu verstauen. Meine Enttäuschung war riesig. Ich hatte immer die Hoffnung gehabt, eine Aufnahme der Galerie im bebilderten Zustand machen zu können – dieses Vorhaben war nun hinfällig geworden. Umgehend kontaktierte ich Herrn Berlin und bat ihn nachdrücklich, mir angesichts meiner Beobachtung jetzt doch endlich Zugang zum Palast zu genehmigen – die Räumung sei schließlich der zu vermutende Anfang eines geschichtlichen Ereignisses, das auf keinen Fall undokumentiert bleiben dürfe.

Und dann geschah das Erstaunliche: Möglicherweise durch meine Hartnäckigkeit doch schon leicht angeschlagen, rang sich der bisher so betonharte Herr Berlin einen kleinen Kurswechsel ab und ließ sich zu einer Aussage verleiten, die in ihrer Tragweite wohl nur mit dem historischen Statement Günter Schabowskis bezüglich des Zeitpunkts der Maueröffnung vergleichbar war: Das Bundesvermögensamt benötige in Bälde eine Fotodokumentation vom Haus. Ich könne mich ja mal an die zuständige Sachbearbeiterin Frau O. wenden.

Sofort rief ich besagte Dame an und informierte sie völlig wahrheitsgemäß über die Bitte Herrn Berlins, mich wegen der geplanten Dokumentation mit ihr in Verbindung zu setzen. Meine Hoffnung auf Erfolg war gering, mehr als die Aufnahme in eine Ausschreibungsliste war kaum zu erwarten. Aber Herrn Berlins Empfehlung war von überraschender Durchschlagskraft: Frau O. lud mich spontan zu einer noch in derselben Woche angesetzten Begehung des Palastes ein. Pünktlich zum Termin erschien ich am Haupteingang des Gebäudes, nahm an der Besichtigung teil und erhielt den Auftrag für die Dokumentation:

»Ehemaliger Palast der Republik, Schlossplatz, 10178 Berlin«

Innerhalb von drei Wochen hatte ich eine umfassende fotografische Bestandsaufnahme des Hauses inklusive der Außenfassade vorzulegen. Mit einem Zeitraum von drei Wochen zur Durchführung war dieses Auftragsvolumen nicht gerade üppig bemessen: Hunderte von Räumen auf fünf Ebenen und knapp 700 000 Quadratmeter wollen erst einmal bewältigt werden, zumal die Bilder in dieser Zeit ja auch noch entwickelt, ausgewählt und präsentationsfähig gemacht werden mussten.

Der Job hatte mir die Tür zum Palast geöffnet. Mein eigentliches Interesse bestand jedoch darin, etwas Tieferes als nur den sichtbaren Zustand dieses Gebäudes zu erkunden: Verlassene Häuser und ihre Räume sind wahre Archive, in denen sich mehr als materielle Hinterlassenschaften, Zerstörungen oder Graffitis finden. Auf faszinierende Weise erzählen sie etwas von der ehemaligen Anwesenheit ihrer Bewohner und Nutzer, von verschwundenem Selbstverständnis, von verflüchtigten Erinnerungen ‒ auch ein noch so leerer Raum ist voll von diesen Schwingungen der Vergangenheit. Sie machen die Atmosphäre eines solchen Ortes aus. Man kann sie fühlen, riechen, hören, aber nicht wirklich sehen. Es braucht jedoch ein wenig Zeit und Ruhe, um etwas gleichsam Unsichtbares erfassen zu können und es durch den eigenen Wahrnehmungsfilter so zu verdichten, dass wenigstens noch ein bisschen davon im Bild spürbar bleibt.

Ich musste mich also beeilen und fotografierte den offiziellen Auftrag in nur zwei Wochen. In der verbleibenden Woche bereitete ich die Bildpräsentation vor und konzentrierte mich intensiv auf meine eigene Arbeit. Aber wie befürchtet, erwies sich dieser Zeitrahmen als viel zu kurz, zumal ich der hohen Bildqualität wegen jetzt mit einer Großformatkamera arbeitete, was per se schon sehr zeitaufwendig ist. Eine solche Kamera ist ein mächtiges Werkzeug, groß und schwer und nur in Verbindung mit einem Stativ zu benutzen. Für jedes Bild muss der Apparat zunächst mithilfe einer Wasserwaage ausgerichtet werden. Alle Einstellungen werden von Hand durchgeführt: Blende, Belichtungszeit, Fokussierung sowie perspektivische Korrektur. Die Filme befinden sich in Kassetten, die für jede einzelne Aufnahme in die Kamera geschoben werden müssen. Aufgrund der schlechten Beleuchtung vieler Bereiche im Palast war oft kaum etwas auf der Kameramattscheibe zu erkennen. Alleine die Aufnahmen in der fast völlig lichtlosen Volkskammer und dem ebenso dunklen großen Saal erforderten Belichtungszeiten von mehreren Stunden, um überhaupt etwas sichtbar machen zu können.

Doch das Glück blieb mir treu: Eine offizielle Verlängerung meiner Zugangsgenehmigung aus persönlichen Gründen war ausgeschlossen. Deshalb wagte ich nach Abgabe der Auftragsarbeit ein kleines Experiment: Ganz offiziell meldete ich mich wieder an der Pforte im Marstall an, über die ich immer Einlass in den Palast gefunden hatte. Und tatsächlich – es funktionierte: Wie bisher erhielt ich den Schlüssel und konnte den ganzen Tag ungestört im Gebäude fotografieren. Auch an den folgenden Tagen wurde ich nicht zurückgewiesen. Offenbar war niemand auf die Idee gekommen, die Pförtner vom Ende meiner Mission in Kenntnis zu setzen. Man hatte mich einfach vergessen. Für eine kleine Weile war ich nun König im Palast, und nur mit dem Hausmeister musste ich mir mein temporäres Reich in den kommenden Wochen teilen.

Im Herbst 1996 fand meine Zeit im Palast der Republik dann ihr unvermeidliches Ende: »Sind Sie nicht der Fotograf? Wat machen Sie denn noch hier?« Herr Berlin war ob unserer unerwarteten Begegnung auf dem Parkplatz des Marstalls nicht minder überrascht als ich. Aber anstatt mir eine Standpauke zu halten, zeigte der Mann Herz und ließ Gnade vor Recht ergehen: »Na ja, machʼn se mal fertig bis zum Wochenende. Aber dann is ooch wirklich jut!«

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