Christian Schulz

Christian Schulz – 89/90

89/90 – ein Etikett bei dem jeder in Deutschland weiß, was gemeint ist: die Wende mit Mauerfall und Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. Christian Schulz war bei den entscheidenden Momenten mit seiner Leica und seiner Nikon dabei. Er war da, als im November 89 ein wütender Mann umringt von Dutzenden begeisterten Schaulustigen die Mauer am Potsdamer Platz mit seinem Vorschlaghammer zum Einsturz bringen will. Er war da, als am 3. Oktober 1990 Helmut Kohl vorm Reichstag die Deutsche Einheit verkündete.

Christian Schulz ist ein Meister des Hinschauens und Einfühlens. Dabei entstehen Bilder bei denen das eigentliche Motiv sich nicht in den Vordergrund drängt. Ihn interessiert das Bild hinter dem Bild – der Schmerz in der Schönheit. So ist der Mann mit dem Vorschlaghammer ‐ zwar im Vordergrund stehend ‐ leicht in der Unschärfe. Im Fokus sind die Zuschauer im Hintergrund wie sie lachen, sich unterhalten, fotografieren oder nur interessiert zuschauen. Christian Schulz gelingt es die Atmosphäre dieser Szenerie einzufangen. Die Wut in dem Schlag, die Hass auf die Mauer, die Neugierde der Zuschauer.

Christian Schulz lebt seit 1981 in Berlin. Er begann seine Fotografenkarriere mit einem Foto, das in der TAZ veröffentlicht wurde: ein nackter Mann mit verhülltem Kopf umarmt einen Polizisten, um gegen das Vermummungsverbot zu demonstrieren. Das brachte ihm eine Anstellung als Fotoredakteur. Später hatte er eine eigene Fotoagentur. Seine Schwerpunkte sieht er in dem Fotografieren von Porträts und in der Street Photography. Sein besonderes Augenmerk gilt auch den Porträts von Filmschaffenden. Bei den Berliner Filmfestspielen verewigte er Schauspieler wie Johnny Depp, Claudia Cardinale, Regisseure wie Billy Wilder und Elia Kazan.

Mit seinem fotografischem Werk “89/90“ schafft es Christian Schulz ikonografische Momente der Geschichte einzufangen. „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“. Bei der Rede von Willy Brandt vorm Rathaus Schöneberg am 10. November 1989 gelang es ihm mit der Kamera solch einen besonderen Augenblick abzulichten: Willy Brandt kämpft um Fassung und Rührung – vor ihm die ergriffene Menge. Dabei wirkt er für einen Augenblick entrückt, in sich gekehrt, für einen kurzen Moment abwesend. Auf diesen Gesichtsausdruck wartet Christian Schulz, bevor auf den Auslöser drückt. Das zeichnet alle seine Porträts aus. Sie sind gänzlich ungestellt und unverstellt. Es scheint, dass der Betrachter des Fotos in die Seele des Porträtierten blicken kann.

Christian Schulz hat den Anspruch Bilder zu kreieren, die über den Alltagsgebrauch hinaus gehen, lässt sich dabei von Rene Burri, Robert Lebeck inspirieren. Seine Bildsprache entwickelte er zudem durch seine Auseinandersetzung mit den Fotografien von Dorothea Lange, Richard Avedon, Robert Frank.

Neben den Aufnahmen von historisch-politisch wichtigen Ereignissen hat Christian Schulz auch ein feines Gespür dafür, Bilder der Wendezeit auch im scheinbar Alltäglichen, Nebensächlichem, Unscheinbarem zu finden. So wie in dem Bild von dem kleinen Jungen, der in seinem Kinderwagen weint. Er wurde alleine vor einem Sexshop abgestellt, den seine Eltern – aus dem Osten kommend – kurz nach der Maueröffnung am Zoologischen Garten besuchen.

Christian Schulz gelingt es die Gleichzeitigkeit von Geschichte und Geschichten in einem Bild lesbar zu machen. Er sieht seine Vorbilder im Kino, bei den Regisseuren Antonioni, Godard, Visconti. Wie sie, will er Bilder fühlbar machen, Gefühlswelten aufzeigen. Es geht ihm nicht unbedingt um den perfekten Ausschnitt, sondern, um das, was die Bilder beim Betrachter bewirken, wie sie ihn emotional berühren. Er möchte ein Gefühl dafür vermitteln, was in der Zeit, in dem Moment der Aufnahme für Emotionen da waren.

Eine Mutter steht mit einem Kind auf dem Arm vor der Mauer am Potsdamer Platz. Sie ist versonnen und nachdenklich mit gesengtem Kopf, das Kind blickt schüchtern fragend. Im Hintergrund thronen junge Leute auf der Mauer. Einige sehen erwartungsvoll gen Westen, andere blicken zurück. Die Menschen feiern im Freudentaumel den Fall der Mauer. Da sieht Christian Schulz in dieser Szene von Mutter mit Kind ein Marienbild, die Komposition eines Renaissancegemäldes. Diese Art von Bildern sucht er. Fotografieren bedeutet für ihn, diese Momente von Sehnsucht, Schönheit und Schmerz einzufangen und somit der Oberfläche ein Schnippchen zu schlagen.

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