Bartleby – ein Film von Andreas Honneth am 11.9.2014 in POT72

Bartleby

Was uns an diesem Text von Herman Melville aus dem Jahre 1853 so faszinierte, dass wir ihn im Stil der alten Stummfilme mit dem Chaplin-Enkel James Spencer Thiérrée in der Hautrolle inszenierten, ist die dank ihres Skeptizismus radikal dualistische Denkweise des Autors des Moby Dick. In der inzwischen so bekannt gewordenen, u.a. von Deleuze und Zizek gerühmten Novelle über Bartleby, the Scrivener, geht es um den eskalierenden Widerspruch zwischen einem seine Arbeitskraft verkaufenden Lohnschreiber und dessen Arbeitgeber, der Erzählerfigur eines etablierten Wall Street-Anwalts, der als Repräsentant des besitzbasierten Rechtssystems dessen Geltung garantiert. Obwohl ihm der so vertrauensvoll wirkende Nobody keine Referenzen vorweisen kann, avanciert er sogleich zum persönlichen Referenten und erweist sich als äußerst tüchtige Hilfskraft, bis er kurz darauf mit der Formel I would prefer not to – Ich würde es vorziehen, nicht zu tun zunächst das Kopieren der Gerichtsunterlagen verweigert, aber dann zunehmend und immer insistierender alle Anforderungen seines Arbeitgebers. Schließlich reduziert er den Einsatz seiner Arbeitskraft auf seine passive Anwesenheit, in der er nur noch wie versteinert vor sich hinstarrt, um in der Kontemplation der Backsteinmauer vor seinem Fenster zu versinken. Auf seinem dramatischen Höhepunkt kulminiert dieser Konflikt in einem kritischen Denkbild, dessen antagonistisches Potential die Novelle insgesamt in eine paradigmatische Erzählung der Moderne verwandelt, denn in der Dialektik dieser Allegorie manifestiert und entfaltet sich ihr rätselhaftes, in der Mauer dieser Straße verborgenes Wesen, die Wahrheit der kapitalistischen Welt. Insofern erfüllt die Erzählung die Ankündigung ihres Untertitels A Wall Street Story, Melvilles Version dieser Geschichte der Wall Street darzustellen, die Bartleby durch seine Distanzierungsformel provoziert und durch sein Standhalten, die Beharrungskraft seiner insistierenden Anwesenheit bezeugt. Denn das passive Vorhandensein des vom immergleich sich reproduzierenden Wall Street-System scheinbar Verschluckten erweist sich als der Haken, der im Anwalt an einem Sonntagmorgen unversehens einen umstürzenden Erkenntnisschock auslöst, der das Gewohnte aushöhlt, um ihm durch visuelle Umkehrung dessen verborgene Innenseite vor Augen zu führen. Sie kommt einem Dementi des Bestehenden gleich, das einen symptomatischen Wahrheitseffekt erzeugt. Als der Anwalt nämlich, da er zu früh für den Gottesdienst kommt, kurz seine Kanzlei aufsucht, macht er die umstürzende Entdeckung, dass sein Angestellter dort als Obdachloser lebt. Die Entzifferung von dessen Spuren hat die Welt seiner Alltagsroutine in die Einöde eines Einsiedlers verwandelt. Plötzlich erscheint ihm die Kanzlei in der Nähe der Börse wie Petra, wie die antiken Ruinen einer verlassenen und zerfallenden Wüstenstadt, da die Warenwelt mit ihrer Vorherrschaft des Tauschwerts, die alles dem Gesetz des Profits unterordnet, das Leben abtötet. Hier sitzt Bartleby, wie einst Marius, der als römischer Sieger in den Ruinen von Kartago das Ende Roms antizipierte, als Menetekel für den Untergang der USA (diese Höllenvision haben wir zur Verstärkung als Überquerung des Todtenflusses Styx in die Schattenwelt des Hades dargestellt). Das derart geoffenbarte Reale ruft das Gewissen des durch die Selbstsicherheit seines Karrierebewusstseins verblendeten Anwalts hervor. Konfrontiert mit dem aufklaffenden Riss des sozialen Antagonismus muss er sich eingestehen, dass sein Glück und die frohe Festlichkeit des Feiertages nur die Kehrseite für die dunkle Unsichtbarkeit unendlichen Unglücks ist. In hilfloser Ausgeliefertheit an die Todesangst fühlt er, dass er selbst und Bartleby in ihrer Sterblichkeit sons of Adam sind, durch brüderliche Solidarität verbundene Söhne Adams. Zwar verdrängt der Anwalt diese Einsicht zunächst schnell, um wieder im Alltag funktionieren zu können, aber am Ende der Novelle sehen wir ihn, wie er Bartleby, den er inzwischen durch einen Bürowechsel seinem Schicksal überlassen hatte, in dem als Tombs, als Gräberstätte berüchtigten New Yorker Stadtgefängnis aufsucht, wo er plötzlich vor der Realisierung seiner dunklen Ahnungen steht: zwischen kargen Grashalmen und unter dem von den Mauern des Gefängnishofes ausgeschnittenen Blau des Himmels steht er vor der auf dem Boden liegenden Gestalt des Sterbenden. In einem Leben, das nicht lebt, hat jener sich mit dem Tod verbündet. In solchem souveränen Scheitern ist die andere Seite der Dialektik der Ware, ihr Gebrauchswert paradox aufgehoben: als Leiche, in der vollendeten Nutzlosigkeit des vom Produktionsprozess ausgespieenen Abfallprodukts erfährt sie ihre arkadisch-himmlische Befreiung.

Wie der Erzähler die Novelle von einem der seltsamsten Schreiber der Moderne mit einer Rahmenhandlung beginnt, dem Bericht über den Kanzleialltag vor dessen Ankunft, so beschließt er sie nach seinem Tod durch ein Gerücht über dessen Vorleben: Er soll in der Washingtoner Bürokratie gearbeitet haben, im Dead Letters Office, dem Büro für tote Briefe, die ihre Adressaten nie erreichten, wo er vergangenes Leid durch sein Eingedenken rettete, so wie nun auch der Erzähler sein Leben ändert, indem er durchs memento seines Berichts Bartlebys Kampf gegen das Gesetz des Marktes bezeugt.

7. 11. 2013     Andreas Honneth